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Trump, der FIFA-Skandal und die EU in einem Finanzblog?

Mike Lehmann • 9. Juli 2026

Ich bin nun wahrlich kein Fußballfan und kann mir für meine Freizeit Spannenderes vorstellen. Bei den News rund um die Fußball-WM und eine Rote Karte, die politisch neutralisiert wurde, sowie von derselben Institution eine Gelbe Karte gegen den französischen Nationalspieler Michael Olise, die nie eine war, aber gelten soll – das kam mir bekannt vor.


Ein Präsident greift zum Telefon. Am anderen Ende: der mächtigste Mann im Weltfußball. Ein paar Stunden später ist eine Rote Karte plötzlich keine Rote Karte mehr – und ein ganzes Turnier fragt sich, wer hier eigentlich noch die Regeln macht.


Und wer glaubt, das sei nur eine Randnotiz für Sportseiten, verpasst die eigentliche Geschichte: Dieselben Mechanismen, die gerade den Fußball erschüttern, bestimmen längst auch unsere Politik und sogar, wie sicher – oder eben unsicher – Ihr Geld angelegt ist.


Ein Anruf, der den Fußball erschütterte


US-Präsident Donald Trump hat öffentlich bestätigt, FIFA-Chef Gianni Infantino persönlich angerufen zu haben, um die Rote Karte gegen US-Stürmer Folarin Balogun noch einmal „prüfen“ zu lassen. Kurz danach hob die FIFA die automatische Ein-Spiel-Sperre über einen selten genutzten Passus ihres Disziplinarreglements auf – und ermöglichte Balogun so den Einsatz im Achtelfinale gegen Belgien.


Infantino betont, die Entscheidung sei allein von einem „unabhängigen“ Gremium getroffen worden. Nur: Warum bestätigt er dann in derselben Erklärung den Anruf des Präsidenten? 

Die UEFA reagierte ungewöhnlich scharf und warf der FIFA vor, eine rote Linie überschritten zu haben. Der belgische Verband sprach von einem Bruch der eigenen Regeln und scheiterte mit seinem Einspruch. Und im Europäischen Parlament kursiert inzwischen ein Brief, der eine Untersuchung gegen Infantino fordert. Eine Menschenrechtsorganisation hat zudem angekündigt, beim Internationalen Olympischen Komitee formell Beschwerde wegen eines möglichen Verstoßes gegen die politische Neutralität einzureichen.


Ob man in der Szene nun einen echten Regelbruch sieht oder eine überzogene Aufregung um zwei Sportler, die ineinanderrannten – der eigentliche Punkt liegt woanders: Ein einziger mächtiger Anrufer konnte offenbar reichen, um mitten im laufenden Wettbewerb das Ergebnis zu verändern. Genau diese Verwundbarkeit ist es, die aufhorchen lassen sollte.


Willkommen im Club: Brüssel tickt erstaunlich ähnlich.


Wer jetzt denkt, so etwas könne nur im semiprivaten Kosmos eines Sportverbands passieren, sollte einen Blick nach Brüssel werfen. Die Parallelen sind verblüffend konkret.


Als es um den größten Impfstoff-Deal der EU-Geschichte ging, verhandelte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen laut Recherchen per SMS direkt mit dem Pfizer-Chef – ein Volumen von geschätzt 35 Milliarden Euro.


Als eine Journalistin der „New York Times“ Einsicht in diese Nachrichten forderte, erklärte die Kommission schlicht, man besitze die Nachrichten nicht mehr. Im Mai 2025 hat das Gericht der Europäischen Union genau das für rechtswidrig erklärt: Die Kommission habe nicht plausibel erklären können, warum die Nachrichten nicht mehr auffindbar seien. Ein Urteil, das erstmals eine amtierende Kommissionspräsidentin direkt für ihren Umgang mit Transparenzpflichten verantwortlich gemacht hat. Folgen hatte das zunächst kaum: Die Kommission ließ die Berufungsfrist verstreichen, lieferte dann eine Erklärung, die Kritiker weiterhin als vage bezeichnen – und musste sich im Juni 2026 in derselben Sache bereits das nächste kritische Urteil gefallen lassen.


Korruption, Vetternwirtschaft … Ob Budapest, Berlin, Brüssel, oder auch als Extrem die Ukraine: Es gibt Personengruppen, die scheinen unantastbar zu sein.


Beim „Qatargate“ traf es hingegen keine kleinen Sachbearbeiter, sondern die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments selbst: Bei Eva Kaili fanden Ermittler über 1,5 Millionen Euro in bar. Und schon 1999 musste die komplette EU-Kommission unter Jacques Santer wegen massiver Vetternwirtschaftsvorwürfe geschlossen zurücktreten.


Der Bogen, der sich hier spannt, ist kein Zufall: Egal ob Weltfußballverband oder EU-Kommission – überall dort, wo eine Institution ihre eigenen Kontrollgremien selbst besetzt, verschwinden im Ernstfall auffällig oft Dinge, die unbequem werden könnten, oder man kann sich nicht mehr erinnern.


Warum sich solche Institutionen so ungern selbst reformieren


Die unbequeme Wahrheit ist: Wer im System sitzt, profitiert von dessen Regeln. Die FIFA sichert sich Mehrheiten, indem sie Fördergelder gezielt an kleinere, finanziell abhängige Verbände verteilt – die dann bei der nächsten Wahl treu abstimmen. In Brüssel funktioniert Konsensbildung oft nach ganz ähnlichem Muster: Blockiert ein Land, wird so lange über Agrarhilfen oder Ausnahmeregelungen verhandelt und bei Abgeordneten „lobbyiert“, bis die Zustimmung steht.


Das ist nicht automatisch Korruption im strafrechtlichen Sinn. Ein gutes Stück davon ist ganz normale, sogar notwendige Interessenvertretung – kein Gesetz zu Künstlicher Intelligenz oder Düngemitteln entsteht sinnvoll, ohne dass Fachleute aus der Praxis gehört werden. 


Das Problem beginnt dort, wo Nähe zu Geld und Macht nicht mehr durch echte externe Kontrolle ausgeglichen wird. Genau diese Kontrolle fehlt der FIFA fast vollständig – ihre Ethikkommission wird vom eigenen Rat eingesetzt.


Die EU hat mit der Europäischen Staatsanwaltschaft zumindest auf dem Papier eine unabhängige Instanz, die genau das leisten sollte. Der Blick auf die Praxis relativiert das allerdings deutlich: Die Behörde ermittelt bereits seit Jahren gegen Frau von der Leyen persönlich – wegen möglicher Einflussnahme, Löschung von Nachrichten und Interessenkonflikt –, ohne dass bislang Anklage erhoben wurde; Berichten zufolge kam es zwischenzeitlich sogar zu Kompetenzstreitigkeiten mit der beteiligten belgischen Justiz.


Und während die Ermittlungen liefen, wurde von der Leyen 2024 trotzdem für eine zweite Amtszeit bestätigt und hat seither bereits zwei Misstrauensanträge im Europaparlament überstanden. Selbst eine auf dem Papier unabhängige Kontrollinstanz entfaltet offenbar wenig Wirkung, wenn am Ende die Mehrheiten trotzdem hinter der kontrollierten Person stehen – ein Befund, der eher zusätzliches als weniger Misstrauen rechtfertigt.


Schaut man sich die Machtstrukturen, die Entfremdung von der Basis und die Kultur der Intransparenz an, sind die Parallelen in der FIFA und der EU in der Tat verblüffend. Beide Institutionen leiden unter dem, was Politikwissenschaftler ein „Demokratiedefizit“ nennen: Diejenigen, die am Ende die Zeche zahlen (Bürger bzw. Fans/Spieler), haben de facto kaum echten Einfluss auf die Führungsfigur an der Spitze.


Das Resultat, ist das, was wir europaweit sehen: ein radikales Erstarken der politischen Ränder. Viele Wähler wählen diese Parteien nicht zwingend, weil sie deren Ideologie teilen, sondern weil sie diese als
Vorschlaghammer begreifen. Sie wollen das System brechen, in der Hoffnung, dass die Karten danach neu gemischt werden. 


Europas verpasste Zukunft


Diese strukturelle Schwäche der Politik hat einen handfesten wirtschaftlichen Preis – und genau hier wird es für Sie als Anleger interessant. Der frühere EZB-Chef Mario Draghi hat es der EU-Kommission in seinem viel beachteten Bericht ungeschminkt vorgerechnet: Europa erstickt zunehmend an der eigenen Regulierung.


Der Vergleich macht den Unterschied sichtbar:

Region Umgang mit Subventionen und Regulierung Effekt auf Innovation
USA Direkt, pragmatisch (z. B. CHIPS Act) – Geld fließt schnell in Technologie Hoch – schnelle Skalierung
China Staatlich gelenkte Industriepolitik, massive Förderung ausgewählter Branchen Hoch, aber politisch gesteuer
EU Förderanträge an Dutzende Bedingungen geknüpft, 27 unterschiedliche Rechtsordnungen Gering – Ressourcen fließen in Bürokratie statt in Forschung


Ein europäisches Start-up muss sich, anders als ein amerikanisches, ab dem zweiten Tag mit 27 verschiedenen nationalen Behörden auseinandersetzen. Und weil in Europa das Kapital eher in Sparbüchern und Lebensversicherungen liegt statt in echtem Risikokapital, fehlt zusätzlich der Treibstoff, der in den USA aus einer guten Idee schnell ein börsennotiertes Unternehmen macht.


Und jetzt zur eigentlichen Frage: Was bedeutet das für meine Anlageentscheidungen?


Hier schließt sich der Kreis. Wenn Sie heute einen x-beliebigen Welt-ETF kaufen, investieren Sie nicht in „die Weltwirtschaft“ – Sie wetten zu weit über zwei Dritteln auf ein einziges Land. Der US-Anteil an gängigen Weltindizes liegt bei rund 70 Prozent, während die USA am realen, kaufkraftbereinigten Welt-BIP nur einen deutlich kleineren Anteil von nicht mal einem Drittel ausmachen.


Diese Lücke ist kein Rundungsfehler, sondern das Ergebnis von jahrelangem Tech-Hype und einem gigantischen Strom passiven Anlagegelds aus ETFs, der genau diese Bewertungen immer weiter nach oben treibt, also die Blase nährt. 


Historisch ist das kein neues Phänomen. 1989 machten japanische Aktien plötzlich über 40 Prozent des Weltmarktes aus – getrieben von einer Blase, deren Folgen der japanische Markt jahrzehntelang nicht abschütteln konnte. Wer heute stur nach Marktkapitalisierung investiert, geht ein strukturell ähnliches Klumpenrisiko ein, nur mit anderem Absender.


Die naheliegende Gegenreaktion – einfach nach Wirtschaftsleistung statt nach Börsenwert gewichten – klingt bestechend logisch, hat aber selbst einen wunden Punkt: Wirtschaftswachstum ist nicht automatisch Aktienrendite.


China hat in den vergangenen Jahrzehnten das weltgeschichtlich eindrucksvollste Wachstum hingelegt und rund 800 Millionen Menschen aus der Armut geholt. Wer aber in den chinesischen Aktienmarkt investiert hat, wurde davon nur bedingt belohnt. Fundamentalanalyse à la Research Affiliates löst dieses Problem auch nicht in Gänze: Ein Unternehmen mit hervorragenden Kennzahlen ist wertlos, wenn es morgen aus geopolitischen Gründen verstaatlicht oder sanktioniert wird.


Die Modelle, die uns retten sollen – und selbst an derselben Krankheit leiden


Genau hier taucht die eigentlich unbequeme Erkenntnis auf. Die klassischen Werkzeuge der Portfoliosteuerung – Markowitz' Moderne Portfoliotheorie, Monte-Carlo-Simulationen – rechnen im Kern mit der Vergangenheit. Sie unterstellen stabile Korrelationen und Renditemuster über Jahrzehnte. In einer Welt, die sich geopolitisch gerade neu sortiert, ist genau diese Annahme brüchig geworden.


Das Black-Litterman-Modell galt lange als Ausweg, weil es erlaubt, eigene Zukunftserwartungen mathematisch sauber einzuspeisen. Doch auch dieses Modell hat einen blinden Fleck, der oft übersehen wird: Es ist immer noch ein Mensch, der die Ausgangsmeinung formuliert – mit seinen eigenen blinden Flecken, seinem eigenen Zeitgeist, seiner eigenen Überschätzung der eigenen Urteilskraft. Ein Modell, das die Arroganz des Anlegers am Ende nur mathematisch verpackt, ist keine objektive Wahrheit. Es ist nur eine besser aussehende Meinung.


Damit sind wir wieder bei FIFA und Brüssel: Auch dort behaupten Institutionen, „unabhängig“ und „objektiv“ zu entscheiden – während in Wahrheit einzelne Personen mit eigenen Interessen am Hebel sitzen. Modelle, Verbände, Kommissionen: Überall dort, wo Selbstkontrolle als Ersatz für echte, externe Kontrolle verkauft wird, sollte man skeptisch bleiben.


Es gibt keine Zauberformel – aber es gibt eine ehrliche Antwort


Was folgt daraus für die praktische Aufstellung eines Depots? Sicher nicht die Flucht in Private Equity, wie aktuell mit ELTIF 2.0 propagiert.

So attraktiv die Renditeversprechen dort klingen – strukturell ist Private Equity genau das gleiche Prinzip wie FIFA oder eine schlecht kontrollierte Kommission: ein geschlossenes System, das seine eigenen Bewertungen erstellt, kaum extern geprüft wird und Sicherheit vorrangig behauptet, ohne sie durch echte Transparenz zu belegen. Wer hier investiert, kauft im Zweifel nicht mehr Sicherheit – sondern nur eine glaubwürdiger klingende Geschichte.


Ebenso wenig ist die Antwort, alles auf eine einzige Karte zu setzen. Ein Depot, das zu 100 Prozent aus Aktien besteht, ist kein robustes Portfolio, sondern eine konzentrierte Wette – daran ändert die gesamte bisherige Analyse nichts. Aktien bleiben zu Recht der Kern jeder langfristigen Vermögensbildung. Aber genau dort, wo man mit ihnen ohnehin schon das volle unternehmerische Risiko trägt, sollte man dieses Risiko nicht zusätzlich über Unternehmensanleihen verdoppeln – und erst recht nicht über Hochzins- oder Ramschanleihen, die früher zu Recht Junk-Bonds hießen. Auch CoCo-Bonds von Banken gehören nicht in ein Depot, das Stabilität sucht: Diese vermeintlich sicheren Anleihen können sich im Krisenfall über Nacht in genau jene frei fallenden Aktien verwandeln, vor denen sie eigentlich schützen sollten.


Der ruhende Gegenpol zu den Aktien gehört stattdessen in solide, regulierte Staatsanleihen von Staaten, die ihre Schulden tatsächlich zurückzahlen können. Dazu gehören physische Edelmetalle, die nicht von der Bilanzpolitik eines einzelnen Konzerns abhängen. Und dazu gehören, wieder auf der Aktienseite, gezielt Rohstoff- und Minenwerte: Ohne Kupfer, Lithium oder seltene Erden gibt es keinen technologischen Wandel – wer auf die Zukunft setzt, benötigt auch das, woraus sie gebaut wird. Ganz zu schweigen von Energie und Versorgern.


Beim Kern des Depots selbst lohnt sich kein Schubladendenken zwischen „nur ETF“ und „nur aktiv verwaltet“. In hocheffizienten Märkten schlägt der günstige, stumpfe Indexfonds die meisten aktiven Manager. In weniger effizienten, politisch komplizierteren Regionen kann gezieltes aktives Management dagegen genau die Fallen umgehen, die ein Index blind mitkaufen muss. Beide Ansätze haben ihren Platz – im gesunden Wettbewerb, strategisch eingesetzt, statt ideologisch verordnet.


Das ist keine mutige Wette auf eine bestimmte Zukunft. Es ist der Versuch, gar nicht erst darauf angewiesen zu sein, dass eine einzelne Institution, ein einzelnes Land oder eine einzelne Anlageklasse – ob Schiedsrichter, Kommissionspräsidentin oder Fondsmanager – die Wahrheit für sich gepachtet hat.


Das eigentliche Fazit


Ob Elfmeterpunkt, Kommissionssitzung oder Anlageausschuss: Überall dort, wo eine kleine Gruppe sich selbst kontrolliert und dabei über fremdes Geld – Sponsorengelder, Steuergelder, Anlegergelder – entscheidet, entsteht eines Tages dieselbe Versuchung. 


Der FIFA-Skandal dieser Tage ist deshalb mehr als nur Sportgeschichte. Er ist eine Erinnerung daran, wie schnell „unabhängige Entscheidungen“ plötzlich sehr abhängig aussehen können. Für das eigene Depot heißt das, nicht in Panik zu verfallen, wenn es mal holprig wird – und das wird es – oder Aktien den Rücken zu kehren – sie bleiben zu Recht das Fundament. Es heißt nur, dieses Fundament klug zu ergänzen, statt blind auf eine einzige Institution, ein einziges Land oder eine einzige Anlageklasse zu vertrauen, so mächtig sie auch scheinen mag.


Genießen Sie den Sommer, Ihren Urlaub und das Leben.

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